Dingsbums XY

Wenn man die Ferien in Neuruppin verbringt, der einzigen mir bekannten Stadt, in der die örtliche Antifa-Filiale direkt neben der örtlichen Sparkassenfiliale liegt, wenn man also nach Neuruppin in good old Marky Brandenburg reist - und genau dorthin fuhren wir, Biffo, Beppi, meine Frau, die beiden Rehpinscher und ich - dann sollte man einige Dinge beachten.

Erstens vermeide man ein in Wustrow gelegenes ominöses “Brandenburg-Preußen Museum”. Zweitens beachte man die schönen Seen in der Gegend. Es gibt dort einige davon und ebenso das Phänomen eines Sees, auf dem eine Insel ist, auf der sich wiederum ein See befindet. Der See um die Insel herum hieß, glaube ich, Zermützelsee. Ein Name, den ich mir nicht ausgedacht habe. Ich hätte mir so was auch ausdenken können, klar. Ich hätte auch diese originelle Bezeichnung “Flohmarkt für die Seele” aus dem vorletzten Beitrag oben links auf die Startseite schreiben können. Aber warum hätte ich das tun sollen? Etwa um Spannungsfelder auszuloten? Diese Formulierung entnehmen jedenfalls sowohl Künstler als auch Journalisten ihrem Sprachbaukasten, wenn sie mal wieder keine Ahnung haben, wie sie den Leuten weismachen sollen, warum da jetzt mehrere Sachen aufeinander treffen. “Dingsbums XY bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Ambient und Jazz”, las ich kürzlich. Wo, bitte, ist denn da das Spannungsfeld? Man sollte den Verzapfern solchen Geschreibsels die Pole einer Autobatterie an die Ohren klemmen für ihren Unfug. “Das, mein Freund, ist ein Spannungsfeld! Bei dem Zeugs, von dem du uns immer berichtest, ist kein Spannungsfeld, weil da nämlich nichts britzelt und blitzt, sondern nur immer wieder die selben seichten Kompromisse zweier Dinge herauskommen, die der Zwei-Komponenten-Zwang noch nicht erfasst hat!”

Noch schärfer sollte man nur die Leute bestrafen, die tatsächlich Spannungsfelder “ausgelotet” wissen wollen und so ein total zermützeltes Bild im Bild erzeugen. Ich weiß, diese meine Ausdrucksweise ist nicht unbedingt Jugend-Forscht-kompatibel, aber bei Jugend Forscht gibt es ja auch anderes zu untersuchen als sprachliche Phänomene. Da sollte zum Beispiel mal jemand versuchen herauszufinden, wie ein See auf eine Insel in einem See kommt. Wie, gibts schon ein Jugend-Forscht-Projekt drüber? Na, dann mal los, Hendrik, 16 Jahre, aus Paderborn:

“Das mit dem See auf der Insel kam so: Ein exzentrischer Millionär hat sich die Insel gekauft, weil er auf dem See der Insel wiederum eine Insel aufschütten wollte. Ganz genau konnte man nicht nachvollziehen, warum er das machen wollte. Kurz vor seinem Tod, als er schon geistig umnachtet war, faselte er etwas von “Spannungsfelder zwischen Wasser und Land ausloten”. Nach seinem Tod wurde seine wertvolle Sammlung von Skulpturen und Installationen unter den Söhnen aufgeteilt. Als schwierig gestaltete sich die testamentarische Lage bei der Verteilung seines Landbesitzes, denn jeder der drei Söhne sollte exakt eine Insel, 3 Bäume und einen See zugesprochen bekommen. Dabei durften bei der Aufteilung nur drei gerade Striche auf der Landkarte gemacht werden. Eine vertrackte Logelei! Zumal an jedem der drei Ufer ein Schaf, ein Wolf und ein Korb mit Gras darauf warteten, mit nur einem Boot ans andere Ufer gebracht zu werden.” 

Soviel aus den Forschungsergebnissen. Was aber lernen wir daraus? Neuruppin gleich ganz einebnen, platt machen, dem Erdboden gleich? Untergang von Kulturgut, natürlich, aber liegt nicht gerade darin auch eine Chance? (Nein.)

Hey Leute, nach langer Zeit mal wieder ein “Lebenszeichen” (ist nur so ‘ne Redensart) von mir, ha, man könnte auch sagen “Lesezeichen”, ne, wegen “Blog lesen” und so. 

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Bon mots

Das ist nämlich französisch und steckt schon mal so ein bisschen das Terrain ab, das hier beackert werden soll. 

Chor der Großblogger: “Bloß, weil der feine Herr hier zweimal im Monat Fohmarkt für die Seele veranstaltet, muss er uns noch lange nicht mit seinen Sprachkenntnissen nerven.”

Nun ja, ich muss eben einem erlesenen Leserkreis etwas bieten.

Chor der Großblogger: “Da spricht der Neid des Kleinbloggers, der nicht genügend Aufmerksamkeit bekommt!” Blog-Solo: “Er ist IMHO ein schlechter Verlierer!”

Stimmt doch gar nicht, im Gewinnen bin ich schlecht, das kann ich überhaupt nícht so gut wie verlieren.

 Chor der Großblogger: “Wenn jetzt nicht bald was aus dem Leben eines Typen mit Internet-Anschluss kommt, wie sich das für einen Blog gehört, lösen wir den Chor auf! Wir scheinen ja sowieseo nur so ein zusammengezimmertes Vehikel zum Fluss des Ideenstroms zu sein.”

Wenn’s denn sein muss, bitte: Heute fand ich eine tote Motte auf der Tastatur meines Klaviers. Nach einwöchiger Abwesenheit war das Tier wahrscheinlich verhungert. Ist das jetzt bloggig genug? Zumindest ist das so eine Ringelnatz-Alltäglichkeit. Joachim Ringelnatz hätte aus dem Erlebnis vermutlich ein possierliches Gedicht gemacht mit der Pointe, dass das treue alte Klavier doch noch zu Etwas gut gewesen sei. Um Missverständnisse zu vermeiden: Ringelnatz müssen alle lesen!  Und um weitere Anführungszeichenchöre zu vermeiden, hier noch eine aufmerksamkeitsheischende Theorie: Das Dritte Reich endete nicht mit dem 2. Weltkrieg, sondern ist langsam ausgelaufen und erst in den 80ern wirklich zuende gegangen. Argumente habe ich aber keine, außer dass das wie eine interessante Theorie klingt, die sich irgendein Historiker in den nächsten Jahren ausdenken könnte. Wissenschaft sollte öfter so laufen, dann wär’s gleich viel lustiger. Echt jetzt mal, ey! 

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Die Überschrift des Artikels bezieht sich übrigens auf zwei gute Wörter, deren Qualität darin besteht, bei falscher Silbentrennung eine andere Bedeutung zu erhalten: Erfolgshit und Lachstürme. Hätten wir das auch endlich auf den Flohmarkt geschmissen. Es ist ja unglaublich, wie lange man so etwas mit sich rumträgt. Ein weiteres Wort, das ich einfach nicht los werde, ist “Kaktusfeige”. Diese vermutlich vom Kaktusfeigenkaktus stammende Frucht ist Bestandteil des Biermischgetränks Schöfferhofer Kaktusfeige. Aber so ist das, wir müssen diese Bürde tragen, die wir mit einer positiven Neugierde durch’s Leben gehen und dabei im Herzen Kind geblieben sind. Letztere Phrase soll, glaube ich, soviel heißen wie: mit positiver und neugieriger Grundhaltung, aber mit der ständigen Bereitschaft, sofort loszuschreien und alles kaputt zu hauen. Also ungefähr so wie Hitler. Aha, die nächste gewagte Theorie zum Dritten Reich (Schreibt man das eigentlich groß? Darf man das groß schreiben?) bahnt sich an. Aber nein, auf dieses Terrain wage ich mich vorerst nicht, denn es ist ein heißes Terrain. Und heiße Terrains beackern mag ich nicht, wegen der stechenden Kakteen, vor denen habe ich respekt. Man könnte fast sagen, ich bin kaktusfeige. Ja, die Bezeichnung passt eigentlich ziemlich gut. 

Frischen Wortshit in den Blog geparkt!

Sandra Maischberger: Außerdem heute in der Sendung: Bundesarbeitsminister Olaf Scholz. Gleich die erste Frage an Sie, Herr Scholz. Wir haben es gerade im Beitrag gesehen: Tankstellen-Abzocke, Fahrpreiserhöhungen. Ist der Verbraucher der Dumme? 

Olaf Scholz: Unsere Zahlen zeigen, dass der Verbraucher tatsächlich der Dumme ist. Derjenige, der ihm den ganzen Schrott andreht, das zeigen die Zahlen auch, ist eben doch letztendlich der Schlauere.

Frank Zander: Ich finds teilweise nur noch schlimm, wie mit manchen Arbeitnehmern umgesprungen wird. Wir habens ja im Beitrag gesehen. Aber nochmal zu der Sache, die Herr Scholz gesagt hat, von wegen dümmer und schlauer, es kann ja nicht sein, dass der Verbraucher letzten Endes der Dumme ist. Deswegen hab ich auch gleich gesagt, das mach ich, da bin ich dabei, als die von der Stiftung UnFairFroren mich gefragt haben, ob ich für die als Botschafter unterwegs sein will.

Es gibt gute Gründe, seine politische Bildung nicht über Polit-Talkshows zu beziehen, denkt man sich. Also geht man am nächsten Morgen zum Zeitungsladen um die Ecke, und zwar wie Gott einen schuf: Im Schlafanzug. Zumindest hat man den Anzug noch unter Hose und Pullover. Eine Studie hat übrigens ergeben, dass die Bewohner Sachsen-Anhalts im Bundesdurchschnitt am frühesten aufstehen. Deswegen wirbt das Land mit Schildern an der  Landesgrenze, auf denen steht “Willkommen im Land der Frühaufsteher”. Was soll denn das für eine Werbung sein? Möchte man in so einem Land Leben? Einem Land, in dem der Familienvater um 6:32 im Wohnungsflur steht und mit von Eifer überschlagender Stimme schreit: “Madleentimoleaaaaaa, aufstehn! Arbeitenarbeitenarbeiten!” Früh aufstehen müssen Zeitungsausträger, Fitnessfanatiker, Karrieristen, also schlecht gelaunte oder anstrengende Leute, denen man lieber nicht nüchtern begegnen möchte.

Das ideale Bundesland ist das mit den Spätaufstehern. Willkommen bei den Gemütlichen, würde es da heißen, wo man weiß, wie man das Leben genießt. Abends wird dann gesoffen, bis der Arzt kommt. Der Arzt kommt eine halbe Stunde später als erwartet, weil er noch ein Nickerchen gemacht hat, fühlt kurz den Puls und sagt: “Na, alles klar, weitersaufen!” Dem Gastwirt ist’s egal, ob wir noch lange machen, er kann ja morgen ausschlafen. Und ob wir uns die Gedärme wegsaufen, ist ihm auch egal, er ist ja Gastronom geworden und nicht Gastrologe. Und Gastronomie verhält sich zu Gastrologie wie Astronomie zu Astrologie. Könnte man denken. Ist auch so. Stimmt aber nicht ganz. Weiß auch nicht. Egal, zurück zu unserem kleinen frivolen Morgenabenteuer, das Abenteuer mit dem prickelnden Aspekt “Schlafanzug”, das gerade noch mal glimpflich ausgegangen ist. 

Schlimm wäre es nämlich gewesen, wenn noch am selben Mittag Besuch gekommen wäre. Das wäre einem dann nach dem Zeitungskauf eingefallen, und hastig hätten noch die Spuren der letzten Tage beseitigt werden müssen. Schnell das Robbenblut vom Boden wischen und das Armreliquiar des heiligen Antonius zurück in den Schrank! Der Besuch erzählt dann die üblichen originellen Sachen, die man sich so erzählt. Dass in irgendeiner afrikanischen Sprache “Guten Tag” wörtlich übersetzt “Hast du heute schon gegessen?” bedeutet, oder in irgendeiner anderen Sprache “Danke” sich mit “Mach so weiter, bitte” übersetzen lässt. Wenn man sich dann genervt zeigt, entgegnet der Besuch, es gäbe in einem tartarischen Dialekt ein Sprichwort für Leute, die sich schnell aufregen: Geh nach hause und nerv deine Kinder!

Wenn einst auf den Trümmern der alten Gesellschaft das ideale Bundesland Rheinland-Österreich seine Lichtdome in den Nachthimmel sendet, wird es dort keinen solchen Besuch geben und auch keine Frühaufsteher. Auf dass eine ewige K- und K-Monarchie mit Kaffee und Kuchen satt blühe!

14 Jahre Nebenfach Soziologie - Was bleibt?

Am eindringlichsten bleibt doch wohl die Begegnung mit Max Webers Prinzip des Idealtypus. Jenem Produkt streng wissenschaftlichen Geistes, das die soziale Wirklichkeit vereinfacht, um sie analytisch greifbar zu machen. Und um diesen Absatz, den ich Wort für Wort aus der SZ abgeschrieben habe, zu beenden, möchte ich auf Hans Albers hinweisen. In meinem Haushalt befindet sich seit kurzem eine CD mit seinen besten Liedern. Jeder sollte so eine Aufnahme besitzen, sie verbreitet sehnsüchtigen Frohsinn und macht das Leben einfacher. Zumindest scheint das Letztere die Botschaft zu sein, die die eingeschränkte Themenwahl der Hans-Albers-Lieder uns vermitteln will. Der idealtypische Hans-Albers-Titel lautet ungefähr ”Ich untreuer Seemann habe Heimweh”. 

In letzter Zeit wird ja häufig über angeblich unangemessene Bezahlung führender Wirtschaftskräfte gemeckert. Ich hingegen gönne den Managern das viele Geld. Aber nicht, weil sie so viel leisten, sondern als Ausgleich dafür, dass sie so bescheuerte Berufe haben. Den ganzen Tag managen, promoten, Zahlen verdrehen, das alles ist so unglaublich langweilig, dass man für die Erledigung dieser Arbeit schon einen ganzen Batzen Geld verlangen sollte.

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Von den Leuten mit den wirklich spaßigen Berufen, den Rockstars und Spitzensportlern, wird ungerechterweise selten Gehaltsenthaltsamkeit verlangt. Vermutlich liegt das aber daran, dass Managern weniger mediale Präsenz eingeräumt wird. Und wenn die ökonomisch Potenten mal gut weg kommen, dann in Fernsehekomödien. ”Ein Millionär zum Küssen” oder so heißen diese Filme, in denen der Reiche durch einen verzwickten Rollentausch die schöne Frau niederen Standes ehelicht.  

Eine Gruppe, auf der auch zu oft rumgehackt wird, ist die der Intellektuellen. Wie muss man heute drauf sein, um akzeptiert zu werden? Unkompliziert. Was meinen die Leute bloß immer damit? Folgendes jedenfalls eher nicht: “Der Marco ist total unkompliziert. Alle, die er nicht mag, kriegen eine gescheuert, die anderen nicht. So herrlich einfach!” Tja, der Marco, was sollen wir mit ihm machen. Lass mal, sagen manche, der ist gerade in einem schwierigen Alter. Schwieriges Alter? Nach einigen Jahren des Umgangs mit Menschen jeglicher zeitlicher Herkunft dämmert mir langsam die Erkenntnis, dass jedes Alter schwierig ist.

Der Unkomplizierte hört Musik, die ausm Bauch kommt und heilt sich homöopatisch. Homöopatie ist die Medizin gewordene Verunkomplizierung mit der die zivilisatorisch Überforderten sich eine einfachere Welt machen wollen. Für Leute, denen die Homöopathie noch nicht einfach genug ist, habe ich ein äußerst einfaches medizinisches Wirkprinzip entwickelt: Die Zersetzungstherapie. Bei Krankheit einfach auf den Boden setzen und solange warten, bis man zu Erde geworden ist und so den ewigen Kreislauf erfüllt. Krankheit als Weg, als self-fulfilling prophecy oder so, keine Ahnung, das sollen bitteschön andere auf den Punkt bringen und in ein Phrasenkorsett zwingen. 

Was man sich unter self-fulfilling prophecy vorzustellen hat? Um das zu veranschaulichen, müsst ihr erstmal eine Band gründen. Nun sucht ihr nach einem passenden Bandnamen. “Stahlwolf” ist euch zu sehr Gothic, “die idealen Typen” zu verkopft und “Supertramp” gibt’s schon. Wenn ihr aber eine astreine self-fulfilling prophecy erzeugen wollt, nennt ihr euch “Coca-Cola verklagt uns”, und einige Zeit später wisst ihr, was gemeint ist.